Transparente, arabeskenhafte Formen

Die dänische Künstlerin Vivi Linnemann hat sich in den vergangen Jahren vor allem im Bereich der dreidimensionalen Objekte und Rauminstallationen einen Namen gemacht – nicht nur in ihrem Herkunftsland, sondern auch in den USA und in der Schweiz, wo sie seit 2011 lebt. Obschon Linnemann auch in den Gattungen Video, Malerei und Collage wichtige Arbeiten geschaffen hat, verbindet man ihren Namen unweigerlich mit ihren luftig-leichten Gebilden aus Acrylglas und Schaumstoff. Diese bilden denn auch ihren wichtigsten Beitrag zur zeitgenössischen Kunst.

Entscheidende Anregungen für ihr Schaffen fand Vivi Linnemann in ihrer umfassenden Aus- und Weiterbildung. In jungen Jahren studierte sie in San Francisco am Art Institute San Francisco und in Amsterdam an der Image Factory. 10 Jahre später erfolgte eine intensive Phase der Weiterbildung. In Kopenhagen besuchte sie zunächst die Medien- und Journalistenschule. Wenig später schrieb sie sich an der Ignatius-Kunstschule ein und nahm parallel dazu Kurse an der Königlichen Dänischen Akademie der Bildenden Künste. Das Interesse an neuen Medien, modernen Materialien und zeitgemässer Formensprache ist bei Vivi Linnemann unübersehbar. Wechselten sich früher freies künstlerisches Schaffen und berufliche Tätigkeit im angewandten Bereich als Art Director phasenweise ab, so konzentriert sie sich seit 2009 mit Erfolg auf ihre Karriere als freischaffende Künstlerin. Seither konnte sie ihre Werke an zahlreichen europäischen Ausstellungen zeigen. Mit ihrer Formensprache und ihrer Materialwahl trifft sie den Puls der Zeit.

Fraktale Strukturen 

Vivi Linnemann ist keine klassisch arbeitende Bildhauerin oder Plastikerin. Sie verwendet weder Hammer noch Meissel bzw. Stechbeitel, um Stein oder Holz zu bearbeiten. Auch modelliert sie keine Tonmasse und giesst keine Bronze. Vivi Linnemann verwendet in ihrem Schaffen hauptsächlich farbiges Acrylglas. Dieses wird mit dem Laser zuschnitten und wärmegeformt. Die ausgeschnittenen, in Form gebrachten Einzelteile verbindet die Künstlerin mit einem Kupferfaden, den sie durch gebohrte Löcher führt. Das Schneiden und Nähen sind Techniken, die man eher in der textilen Kunst verortet, denn in der dreidimensionalen Kunst. Mit jedem angenähten Einzelteil wächst das Objekt bzw. die Installation bis ihrer endgültigen Gestalt heran. Die Werke von Vivi Linnemann wirken harmonisch, zum einen, weil sie stets aus ein und demselben Material bestehen und monochrom sind, zum anderen weil die Formensprache stets kohärent ist. Die Einzelteile weisen oft rund bis fliessende Formen auf, so dass sie als Gesamtes sehr natürlich wirken. Die Installation GRØN beispielsweise, welche Vivi Linnemann 2013 am Skulpturensymposium Winterthur zwischen Obstbäumen eingebettet präsentierte, nahm mit ihrer organischen Formensprache den stillen Dialog mit der Umgebung auf. Die aus einer Vielzahl von Einzelteilen bestehenden Arbeiten Linnemanns erinnern an fraktale Strukturen und an die Wachstumsprinzipien der Natur, welche seit der Spätantike als stilisierte Rankenmotive und Arabeskenornamente in die dekorativen Künste einflossen.

Leichtigkeit und Transparenz

Die fragil wirkenden Arbeiten von Vivi Linnemann gehören nicht auf einen Sockel – dafür sind zu wenig kompakt. In der Regel hängen sie scheinbar schwebend oder stehen bzw. liegen direkt auf dem Boden. Statik und Volumen negierend, öffnen sie sich dem Raum und der tänzerischen Bewegung. Sie verströmen Heiterkeit und Leichtigkeit.

Die Durchsichtigkeit und der Glanz des Acrylglas bringen eine weitere Dimension ins Spiel: Das Licht. Linnemanns Werke wirken wie zu Materie geronnenes Polarlicht. Sie erinnern mit ihrer fluoreszierenden Farbigkeit aber auch an wundersame Tiefseewesen und leuchtende, ineinander verschlungene Rüschen (geraffte Spitzen), die sich im Wind aufbauschen. Das Veränderliche, Prozesshafte ist in den Arbeiten von Vivi Linnemann eingeschrieben. Das Kunstwerk mit seinen drei Dimensionen ist als solches noch fassbar, doch die Entmaterialisierung in Form von Leichtigkeit und Transparenz ist weit vorangeschritten. Somit bildet das Schaffen von Vivi Linnemann indirekt die grossen technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen des 21. Jahrhunderts ab.

Lucia Angela Cavegn